Grenzenlose Freiheit

Kultur & Geschichte
Lukas Marchesi
19. Dezember 2025

Eine Reise nach Tibet wird jäh gebremst – und zu einer lebensverändernden Lektion.

Ich bin sechs oder sieben Jahre alt, als ich mit dem Finger über die Weltkarte fahre und meine Grossmama mit grossen Augen frage: «Wo ist eigentlich der höchste Berg der Welt?» «In Tibet», antwortet sie. «Und wo ist das?» «Hier», sagt sie und zeigt mit dem Finger darauf. «Und ist das weit weg?» «Hach, Lukas, da reist du, bis du ein alter Mann bist.»

Ab diesem Moment bin ich fasziniert vom Land auf dem Dach der Welt – meinem Inbegriff von weit, weit weg. Gebetsfahnen zieren bald mein Zimmer, und ich verschlinge alles, was mit Tibet zu tun hat. So lerne ich auch von Chinas Rolle in der Geschichte dieser Region, von Mao, der Roten Armee und der Flucht des Dalai Lama. Ich entwickle eine Abneigung gegen China, gegen die Chinesen und ihre Führung.

Damals führte der einzige Weg nach Tibet über das chinesische Festland. Ich war noch nie gereist, und mein Umfeld fand stets genügend Gründe, mir weiszumachen, warum alles, was nach Osten führt, schlecht sei. Doch in meinen späten Zwanzigern schnürte mich genau das ein. Also setze ich mich in den Flieger nach Peking: den Wunsch nach weit, weit weg im Kopf, die Angst vor China im Bauch.

In Peking stehe ich auf dem Platz des Himmlischen Friedens und blicke Mao ins Gesicht. Um mich herum lachende Schulkinder, fröhliche Familien. Wie könnt ihr nur – an so einem Ort? Ich bin der einzige Weisse und völlig überfordert. Ich will nicht hier sein, nichts mit diesen Menschen zu tun haben. Ich warte nur auf meine Papiere, um weiterzureisen. Doch dann kommt die Nachricht: Die Grenzen nach Tibet sind per sofort zu. Es ist die Zeit der Aufstände in Lhasa, Ausländer sind nicht mehr willkommen. Wann die Grenzen wieder öffnen, will ich wissen. «Xià zhōu, xià zhōu!» heisst es – nächste Woche. Woche für Woche heisst es das. Aus Wut wird Hass.

Eines Abends treffe ich einen Reisenden aus Hamburg. Er hat die Welt gesehen – und strahlt das auch aus. Wir teilen Disney-Filme und nach genügend Baijiu auch unsere Geschichten. Ich erzähle ihm von meinen negativen Gefühlen für dieses Land, in dem ich nun schon sechs Wochen feststecke. Sein Blick wird ernst: «Du suchst Freiheit? Versuchs mal damit: Fremde Erde ist nur fremd, wenn der Fremde sie nicht kennt». Zwinkernd steht er auf und geht.

Das hat gesessen. Gleich am nächsten Morgen beginne ich, Mandarin zu lernen. Nur ein paar Wörter – doch sie öffnen Türen. Ich übe Tai Chi im Park, fordere Fremde im Tischtennis heraus. Ich beginne zu verstehen und finde einen Rhythmus. Und ich trenne Politik und Mensch.

Bald schliesse ich Freundschaft mit einem jungen Chinesen. Eines Abends in Chengdu gesteht er mir: «Bislang hatte ich immer Angst vor Ausländern. Man sagt uns, ihr seid an allem schuld. Aber jetzt, wo wir uns kennen, fühle ich das nicht mehr.» «Geht mir genauso», antworte ich. Wir verstehen und stossen an. Gānbēi!

Dann endlich öffnet die Grenze, ein paar Tage später bin ich am Ziel meiner Reise. Die Gebetsfahnen flattern im Wind des tibetischen Hochlandes, der Potala-Palast leuchtet im roten Licht der untergehenden Sonne, und der Geruch von Räucherstäbchen liegt in der Luft. Ich kann es kaum glauben, aber ich habe es geschafft. Aus ein paar Tagen sind sechs Monate in China geworden. Vielleicht bin ich tatsächlich ein bisschen alt geworden – je nachdem, wie Grossmama das damals gemeint hat. Ich schicke meine Grüsse zum Himmel.

Heute, 15 Jahre später, bewegt mich diese Zeit noch immer, sie hat mein Verständnis von Freiheit geprägt. Ich verstehe nun besser, warum das Fremde dem Menschen Angst macht – und wie schnell daraus Hass entsteht. Und wer hasst, ist nicht frei. Dabei liegt es an jedem Einzelnen, sich dagegen und für die Freiheit zu entscheiden – gerade heute, wo das Thema aktueller ist denn je, wünsche ich uns allen, dass wir einem Hamburger begegnen dürfen, der uns mit einem Zitat aus «Pocahontas» eine faire Chance auf Freiheit gibt.

Lukas Marchesi, 41, wohnt in Zürich und arbeitet als Projektleiter Marketing beim Globetrotter Travel Service. Er reist weiterhin gerne und weit – und seit dieser Reise bewusster, mit weniger Vorurteilen und mehr Toleranz.

50 Jahre Globetrotter

Bereit für deine Gefühlsachterbahn?

Teile deine persönliche Reisegeschichte und gewinne eine Pionierreise im Wert von CHF 36’000.–. Jede Geschichte zählt. Vielleicht deine ganz besonders.
Seite teilen
Dein primärer Reisetyp

Du hast {#percent}% Übereinstimmung mit diesem Reisetypen.

Welcher Reisetyp bist du?

Diese Übersicht zeigt dir, wie stark dein Profil allen sieben Reisetypen entspricht.

Entdecke deinen Reisetyp

Welcher Reisetyp bist du?

Finde heraus, welche Reise perfekt zu deinem Reisetyp passt und welche*r Reiseberater*in dich am besten beraten kann. Mach den Test und finde in nur wenigen Klicks deinen persönlichen «Perfect Match».
Gewinne CHF 500.–
Schnapp dir jetzt noch die Chance auf 500 Franken für deine nächste bewegende Reise.