Riss im Rhythmus

Kultur & Geschichte
Rainer Feurstein
19. Dezember 2025

Das Chaos funktioniert – bis es zusammenbricht. Strassenszenen aus Hanoi.

Schon am frühen Morgen dringt Lärm durch das Fenster, Hupen, Motoren, Stimmen. Hanoi erwacht. Wir wollen uns treiben lassen, durch die Altstadt, ohne Ziel. Doch kaum treten wir vor das Hotel, verschlägt es uns den Atem. Meine Frau und ich sind einiges gewohnt, seit wir in Asien unterwegs sind – Delhi, Bangkok, Mandalay –, aber das, was Hanoi an Verkehr zu bieten hat, ist eine motorisierte Explosion. Abertausende Mopeds bestimmen den Verkehrsfluss, dazu unzählige Autos und Fussgänger – alles gleichzeitig, alles durcheinander. Ampeln scheinen Dekoration zu sein, Zebrastreifen Verzierungen, Gehsteige Abstellflächen für Zweiräder. Hanoi pulsiert, schäumt, kocht. 

In der ersten Viertelstunde kommen wir uns vor wie auf einer Treibjagd, in der zweiten verlagern wir uns aufs Beobachten und stellen fest, dass das Chaos funktioniert, und in der dritten nehmen wir allmählich wahr, dass es neben dem Verkehr auch eine Stadt gibt.  

Die Häuserfronten bilden eine Kulisse aus Brüchigkeit und Farbe. Die Architektur in der Innenstadt Hanois ist hässlich und trotzdem strahlt sie etwas Harmonisches aus. Designerläden leuchten in frischem Glanz, während in den Stockwerken darüber die Fassaden verfallen und Gräser aus den Mauern wachsen. Frauen balancieren Bambusstangen mit Körben voll Obst, Fleisch und Blumen. In Garküchen am Strassenrand dampft es aus etlichen Töpfen, gerupfte Enten hängen am Haken. Wir denken an das mondäne, sterile Singapur – und merken, dass uns dieses Chaos hier mehr zusagt. 

Am Nachmittag entdecken wir das vierstöckige Frauenmuseum und geben uns seiner Ruhe hin. Behandelt werden Themen wie Familie, Krieg und Mode, einen emanzipatorischen Ansatz erkennen wir nicht. Danach schleichen wir ausgelaugt zurück ins Hotel, und nach einer kurzen Pause treibt uns der Hunger zurück in die Stadt. Das Nudelgericht Mien, serviert mit Süsswasseraalen, schmeckt vorzüglich. Auf der Terrasse im «City View» gönnen wir uns noch einen Drink mit Blick auf einen grossen Platz – sechs Strassen münden darin, wie Adern in ein Herz. Unter uns rauscht der Verkehr, eine ewig fliessende Masse aus Metall, Körpern und Mut. Wir sind fasziniert, fast beruhigt: Das Durcheinander funktioniert. Bis es knallt. 

Ein Taxifahrer hat zwei Mädchen auf einem Moped erfasst, ist aber weit davon entfernt, sich schuldig zu fühlen. Die Mädchen liegen auf dem Asphalt, rappeln sich auf, humpeln an den Rand. Der Taxifahrer gestikuliert, flucht, steigt wieder ein und fährt davon. Niemand hilft. Menschen strömen vorbei, Mopeds weichen aus, die Stadt schluckt das Geschehen. Der Verkehr fliesst weiter, als wäre nichts geschehen. 

Das Herz schlägt uns bis zum Hals, wir sind verstört. Der Zauber des geordneten Chaos bricht in sich zusammen. Plötzlich sehen wir nur noch Lärm, Gleichgültigkeit, Raserei. Der Film läuft weiter, aber er hat einen Riss.

Rainer Feurstein (68) ist pensionierter Lehrer aus dem österreichischen Dornbirn und reist viel und gerne zusammen mit seiner Frau. Auf grösseren Reisen immer mit dabei: sein Tagebuch, in dem er festhält, was sie wo, wie, wann und warum erleben.

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