Ein kleines Inserat

Natur & Tiere
Simi Rutishauser
10. Juli 2026

Ecuador, 2002. Faultiermama statt Unterricht: Wie sich eine Lehrerin plötzlich in einer Tierstation wiederfindet. Bis es zu Jucken beginnt.

Eigentlich ist mein Plan klar: Nach acht guten Jahren als Primarlehrerin kündige ich meine Stelle und reise für einige Monate durch Brasilien. Die Flüge sind provisorisch reserviert, der Sprachkurs hat angefangen. Dann entdecke ich in einer Verbandszeitschrift ein winziges Inserat: «Urwaldschule in Ecuador sucht Lehrperson.»

Etwas daran lässt mein Herz schneller schlagen. Obwohl ich bewusst etwas anderes als Schule suche, kann ich das Inserat nicht vergessen. Ich recherchiere und erfahre, dass die Schule zu einer Tierauffangstation mitten im Amazonas-Regenwald gehört. Dort werden Wildtiere, die aus dem Schwarzmarkt beschlagnahmt wurden, gepflegt und wenn möglich ausgewildert. Sofort weiss ich: Ich muss dorthin.

Wenige Monate später sitze ich in einem Motorkanu auf einem Fluss im ecuadorianischen Dschungel. Um mich herum dichter Regenwald, unbekannte Geräusche und eine überwältigende Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Die Station «Amazoonico» liegt fernab der Zivilisation. Strom gibt es kaum, Handyempfang gar nicht. Wir leben einfach, die Arbeit im feuchtwarmen Dschungel ist herausfordernd, aber wenn ich abends ins Bett gehe, fühle ich mich glücklich und erfüllt.

Meine Tage bestehen aus dem Füttern von verschiedenen Affen, Papageien und anderen Tieren, aus Führungen für Besucherinnen und Besucher und aus der Pflege der Gehege. Besonders ins Herz schliesse ich ein Faultierbaby namens Goblin. Seine Mutter wurde von Jägern erschossen. Ich trage das Jungtier im Tragetuch mit mir herum, füttere es regelmässig und beobachte voller Freude, wie es wächst.

Dann verändert sich alles.

Es beginnt mit einem juckenden Ausschlag an den Beinen. Dazu kommen Müdigkeit, Schwindel und Gelenkschmerzen. Jeden Tag fehlt mir mehr Kraft. Schliesslich fahre ich mit Kanu und Bus ins Spital in die nächstgelegene Stadt Tena. Dort erhalte ich Medikamente und eine hohe Dosis Kortison.

Doch nichts hilft. Bald schaffe ich kaum noch die einfachsten Arbeiten. Schweren Herzens muss ich akzeptieren, dass ich meine Zeit im Dschungel abbrechen muss.

Kurz vor Weihnachten verlasse ich den Amazoonico mehr als fünf Wochen früher als geplant. Der Abschied von den Menschen, den Tieren und besonders von Goblin fällt mir unendlich schwer. In der kälteren Luft von Quito bessern sich die Symptome schnell ein wenig. Bis ich wieder vollständig gesund bin, vergeht fast ein halbes Jahr. Ob die Stiche der kleinen Sandfliegen, sogenannte Zancudos, der Auslöser waren? Die Ursache wird nie gefunden und für immer ein Rätsel bleiben.

Trotzdem gehört diese Zeit zu den prägendsten meines Lebens. Der Aufenthalt verstärkt meine Leidenschaft für Natur und Tierwelt und verändert meinen Lebensweg nachhaltig. Dieser führt mich später nach Namibia und für einige Jahre nach Botswana. Wer hätte gedacht, dass ein kleines Inserat so viel bewirken kann?

Simi Rutishauser (56) ist Primarlehrerin aus Basel. Im Juli 2026 holt sie endlich die geplante Brasilienreise nach.

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