Als die Ketten Plötzlich fallen

Abenteuer & Outdoor
Urs Meier
25. Oktober 2026

Georgien, 2019. Das Ziel ist der mythische Kazbek, 5054 Meter über Meer. Doch eine Nacht in Tiflis bringt den Gipfeltraum in Gefahr.

Es ist ein heisser und schwüler Augusttag in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Die herzliche Bevölkerung lässt uns sofort willkommen fühlen. Am liebsten würden wir bleiben, doch unser Ziel liegt weiter nördlich. Damit wir in der ersten Nacht schlafen können, lassen wir die Klimaanlage laufen. Ein Fehler, wie sich bald zeigen wird.

Durch malerische Dörfer fahren wir in die Region Kazbegi. Schon der Name öffnet das Herz, endgültig höherschlagen lässt es aber der Anblick des Kazbek. Unter tiefblauem Himmel präsentiert sich der vergletscherte Gipfel in seiner ganzen Pracht, unser Ziel. Bevor wir uns in höhere Gefilde wagen, geniessen wir die lokale Küche, erkunden grüne Täler und erklimmen aussichtsreiche Hügel, um uns an die Höhe zu gewöhnen.

Dann ist es soweit: Der Aufstieg zum Kazbek beginnt. Ich realisiere schnell, dass ich grosse Mühe habe. Die Klimaanlage hat mir eine heftige Erkältung eingebracht, die Brust fühlt sich schwer an. Unser erster Übernachtungsstopp ist die auf 3020 Metern gelegene Altihut, die von einem Schweizer Team geplant und gebaut wurde. Sie ist heimelig und angenehm. Ganz anders die Betlemi-Hütte auf 3670 Metern, unsere nächste Unterkunft, die definitiv mehr Expeditionscharakter hat. Draussen ist es nun wolkenverhangen und regnerisch, drinnen eng und muffig. Wir hoffen auf besseres Wetter für den anstehenden Gipfeltag.

Um zwei Uhr ist Tagwache. Auf meiner Brust liegt ein schwerer Stein. Ob das gut kommt? Nach einem kurzen Frühstück marschiere ich trotzdem mit meinem Kollegen los, doch ich komme kaum in Schwung – es fehlt mir förmlich der Sauerstoff. Die ersten Stunden sind fast unerträglich, ich fühle mich wie Prometheus aus der griechischen Mythologie, der zur Strafe am Kazbek angekettet wird. Doch je höher wir steigen, desto besser geht es mir. Vielleicht ist es das Adrenalin, vielleicht die Morgendämmerung.

Auf halber Höhe ziehen wir die Steigeisen an. Das Eis ist steinhart, der Wind nimmt zu. Dann erscheint der von Eis überzogene Gipfelhang, von der aufgehenden Sonne zum Glänzen gebracht. Dieser Anblick gibt mir ungeahnte Kraft. Nun fühle ich mich wie Prometheus, den Herakles von seinen Ketten befreit.

Nach sieben Stunden stehen wir auf dem 5054 Meter hohen Gipfel des Kazbek. Am frühen Morgen hätte ich das nicht für möglich gehalten. Die wolkenfreie Rundsicht entschädigt uns für alle Strapazen. Überwältigt von diesem Moment steigen wir noch am selben Tag direkt ins Tal nach Stepanzminda ab – 3300 Höhenmeter mit schwerem Rucksack.

Am nächsten Tag nehmen wir Abschied von der eindrücklichen Bergwelt und kehren nach Tiflis zurück, wo wir ein letztes Mal die Herzlichkeit der Menschen geniessen. Die Klimaanlage lassen wir diesmal ausgeschaltet.

Urs Meier (55) ist Maschinenbauingenieur aus Wetzikon ZH. Er liebt es, spezielle Orte und Kulturen auf der ganzen Welt aufzuspüren, privat oder geschäftlich.

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