Wie paranoide Geheimagenten
Marokko, 1977. Eine denkwürdige Geschichte über potenzielle Gauner, gackernde Hühner und ein verlorenes Portemonnaie im Drittklasswagen.
«Nach Marokko wollt ihr? – Da wimmelt es doch von Taschendieben, Banditen, Halsabschneidern!» Oder: «Wetten: Keine drei Tage, und ihr steht in blossen Unterhosen da!». Und: «Wollt ihr Euch das wirklich antun?»
So klingen die Kommentare, die unser Umfeld bereithält, als wir unsere Reisepläne bekanntgeben. Genau das, was bei zwei 21-Jährigen die Abenteuerlust so richtig befeuert.
Nun hocken wir am Boden in einem überfüllten Drittklasswagen der marokkanischen Eisenbahn. Bänke oder andere Sitzgelegenheiten gibt es in dieser Kategorie nicht. Rundherum zwängen sich Einheimische zwischen Bergen von Schachteln, Körben und Taschen, überall gackern Bündel von an den Füssen zusammengebundenen Hühnern. Zudem versucht ein halbes Dutzend Kassettenrekorder – schön über den ganzen Raum verteilt – die Konkurrenz an Lautstärke zu übertreffen, jeder davon mit einem anderen Gedudel. Wie sind wir bloss in diesem kakophonen Schlangenbeschwörer-Inferno gelandet?
Zwei Stunden vorher: Unmittelbar nach dem Anlanden der Fähre in Tanger werden wir von zahlreichen hilfsbereiten Wegelagerern begrüsst. Kaugummis, Teppiche, eine Stadtführung, Haschisch, Taxis, Hotelzimmer, Frauen – alles wird uns angeboten. Irgendwie schaffen wir es auf dem Weg zum Bahnhof, den Mob abzuwimmeln. Dabei dämmert uns aber langsam, dass all die Ermahnungen der Bekannten vielleicht doch einen Kern Wahrheit hatten. Fortan bewegen wir uns wie paranoide Geheimagenten vorwärts. Wir tasten ständig die Hosentaschen ab, um zu prüfen, ob noch alles da ist, checken in reflektierenden Fensterscheiben, wer hinter uns lauert, und sehen prinzipiell in jedem Einheimischen einen potenziellen Gauner.
Das wird mit der Zeit anstrengend. Deshalb bin ich jetzt auch hundemüde, als wir in diesem vollgedrängten Viehwaggon hocken und eine lange Nachtfahrt bis Marrakesch vor uns haben.
Gleichzeitig gilt: Bloss nicht einschlafen! Sonst rauben uns diese Typen da garantiert aus. Trotzdem nicke ich ein. Doch mein Freund weckt mich bald wieder: «Lass uns an der nächsten Station den Wagen wechseln. Unsere Tickets sind gültig für die zweite Klasse. Hier halte ich es nicht mehr aus!»
Benommen rapple ich mich zusammen, erstaunt, dass ich in diesem Lärm überhaupt eingeschlafen bin. Als der Zug an einer Station hält, will ich meinem Freund nach draussen folgen. Da tippt mir einer unserer Mitpassagiere auf die Schulter, ich drehe mich um. Ein Räubergesicht hält mir mein Portemonnaie entgegen und zeigt auf den Boden, wo ich bis eben geschlafen habe. Offenbar ist es mir dort aus der Tasche gefallen. Im Halbschlaf nehme ich es entgegen, murmle ein «Merci» und steige aus. Im Zweitklasswagen finden wir ein leeres Abteil, erst dort kann ich das Portemonnaie kontrollieren. Es fehlt nichts. Gar nichts.
Höchste Zeit, ein paar üble Vorurteile loszuwerden!
Ivar Kohler (70) ist pensionierter Oberstufenlehrer aus Schluein GR – und chronisch von hohem Reisefieber befallen, mit Vorlieben für die subarktische Wildnis und Afrika.