Vergessen und Verloren
Guatemala, 1997. Eine Busreise nach Mexiko bietet beste Unterhaltung – bis zu einer verhängnisvollen WC-Pause.
Es ist das Jahr 1997. Ich verbringe ein halbes Jahr in Mexiko, besuche eine Sprachschule in Mérida und reise anschliessend mit meiner Reisekollegin Sylvia zur Maya-Stätte Tikal in Guatemala. Ein tolles Erlebnis. Nun wollen wir zurück nach Mexiko. Der Reisebus steht bereit. Als wir einsteigen, ahnen wir noch nicht, dass mir diese Busreise deutlich intensivere Emotionen bescheren wird als die legendäre Maya-Stätte.
Wir sitzen ganz hinten im Bus, bestens unterhalten: Unter den Sitzen gackern Hühner, die Leute hören Musik, ein Actionfilm läuft. Nach ein paar Stunden Fahrt muss ich dringend auf die Toilette, ich halte es kaum mehr aus. Ich steige beim nächsten Halt aus und bitte den Helfer, der das Gepäck ein- und auslädt, kurz auf mich zu warten. «Kein Problem, guapa.»
Als ich aus dem Restaurant zurückkomme, trifft mich der Schock: Der Bus ist weg. Mit ihm mein Gepäck – und Sylvia. Ich stehe verloren da, ohne Geld, ohne Reisepass.
Kurz darauf hält ein anderer Bus. Ich erkläre dem Fahrer meine Lage. Widerwillig nimmt er mich mit, nicht ohne sich ständig darüber zu beklagen, dass ich nicht bezahlen kann. Was bleibt mir anderes übrig? Nach zwei Stunden Fahrt steige ich an einem grösseren Terminal aus – und stehe wieder allein da. Von Sylvia keine Spur. Eine Frau bringt mir etwas zu essen, eine andere trocknet meine Tränen. Ich fühle mich vollkommen verloren.
Stück für Stück reise ich weiter, immer mit Menschen, die mir vertrauenswürdig und gnädig erscheinen. Im Auto, im Bus, auf einem offenen Lastwagen. Nach vielen Stunden Hoffen und Bangen erreiche ich schliesslich den Grenzort. Auch hier ist Sylvia nicht. Wieder bin ich den Tränen nah.
Da kommt plötzlich aus dem Nichts ein älterer Mann mit einem Velo auf mich zu. «Bist du Patricia?» Ich nicke. «Sylvia schickt mich. Sie wartet am Busbahnhof auf dich.» Was für eine Erlösung. Endlich ein Lebenszeichen.
Der Mann bietet mir an, mich auf seinem Gepäckträger mitzunehmen. Unterwegs frage ich nach seinem Namen. «Ich heisse Angel.» Ein Engel also. Das Universum ist gut zu mir. Und tatsächlich: Nach dieser stundenlangen Irrfahrt sehe ich Sylvia. Natürlich ist auch sie ausgestiegen – einfach an einem anderen Ort.
Meinem Schutzengel Angel bin ich bis heute dankbar. Und was habe ich daraus gelernt? Optimistisch zu bleiben. Am Ende kommt alles gut.
Patricia Peña (53) wohnt in Köniz BE und arbeitet als Kommunikationsspezialistin. Das Reisen hat sie zur Person gemacht, die sie heute ist: offen und tolerant gegenüber anderen Denkweisen und Kulturen – auch wenn der Fahrplan mal durcheinandergerät.