In die Misere manövriert
Einige Strassen sind für Wohnmobile gemacht, andere nicht. Unser Autor erfährt das auf die harte Tour.
Ich will mit meinem Wohnmobil in den Naturpark Blidinje. Mein letzter Halt ist Mostar, eine wunderschöne Stadt mit muslimischen und christlichen Wurzeln. Im Internet finde ich bloss einen dürren Blogbeitrag über Blidinje – wenig informativ, aber die Fotos überzeugen. Also los. Der Autor empfiehlt, bis zu einem Dorf zu fahren und von dort hinauf zum Blidinje-Hochplateau. Ich frage mich, ob mein Camper das schafft, denn über die Strassenverhältnisse steht nichts im Blog.
Im Dorf angekommen, sieht die Strasse besser aus als erwartet: zweispurig, frisch asphaltiert, keine Schlaglöcher. Ich fahre los, den Hang hinauf. Die ersten fünfzehn Kilometer sind traumhaft – imposante Berge leuchten in einem saftigen Grün. Dann wird die Strasse plötzlich einspurig. Kurz darauf endet sie abrupt in einer Schotterpiste mit Kieselsteinen so gross wie Golfbällen. Da ich davon ausgehe, drei Viertel der Strecke schon hinter mir zu haben, fahre ich weiter.
Zunächst läuft alles gut, doch dann folgen enge Haarnadelkurven. Im ersten Gang gebe ich Vollgas, die Steine werden grösser, der Hang steiler. Wenden ist unmöglich. Plötzlich drehen die Räder durch – das Wohnmobil rutscht rückwärts. Der Motor stirbt ab, der Unterdruck für die Bremsen fehlt. Ich lenke den zurückrollenden Wagen so gut es geht, um nicht den Hang hinunterzustürzen, und ziehe an der Handbremse – bis das Fahrzeug in einem Steinhaufen am Strassenrand steckenbleibt. Mein Herz rast, so nah am Abgrund.
Ich starte neu, doch die Räder drehen durch. Vorne links blockiert der Kies, hinten rechts verkeilt sich ein Fels. Ich stecke fest. Und jetzt? Laut Navi sind es nur noch zwei Kurven bis hinauf. Ich steige aus und mache mich zu Fuss auf den Weg, um mich zu vergewissern. Nach fünfzehn Minuten Marsch und vier weiteren Kurven weiss ich: Das hier ist lebensgefährlich. Ich muss umkehren. Aber wie? Ich habe mich in die Misere manövriert.
Zurück beim Camper gehe ich meine Optionen durch. Polizei? Feuerwehr? Niemand würde mich verstehen, niemand könnte hier hochfahren. Zu Fuss zehn Kilometer ins Tal? Und dann? Ich beschliesse, ruhig zu bleiben: Solange das Fahrzeug feststeckt, stürzt es nicht ab. Ich beginne, die Räder freizulegen. Unter das durchdrehende Rad lege ich Steine – ohne Erfolg. Der Reifen raucht. Ich erinnere mich an die gelben Keile, die im Camper liegen. Mit ihnen versuche ich es erneut – das Fahrzeug bewegt sich zwei Zentimeter. Ich ziehe sofort die Handbremse, entferne den blockierenden Stein und kann rückwärts aus der Falle rollen.
Nun geht es rückwärts im Schritttempo den Hang hinunter. Ich lehne mich zum Fenster hinaus, eine Hand am Lenkrad, die andere an der Handbremse, Meter für Meter. Bis ich endlich, endlich zu einer Stelle gelange, die breit genug wirkt zum Wenden. Zentimeterweise drehe ich das Wohnmobil, bis das Heck über den Abhang ragt. Dann langsam vorwärts, aussteigen, einen grossen Stein aus dem Weg räumen – und geschafft. Im ersten Gang rolle ich vorsichtig talwärts, eine Hand immer an der Handbremse. Nach einer halben Stunde erreiche ich wieder festen Boden. Ich halte an, steige aus und küsse zuerst den Asphalt, dann das Wohnmobil. Ich bin heil davongekommen. Und stelle bald fest, dass es einen anderen, ganz einfachen Weg zum Nationalpark Blidinje gibt.
Simon Salvi (36) ist derzeit als Zimmermann tätig und in Bern zuhause. Am liebsten entdeckt er aber neue Länder und Orte – und scheut dabei kein Abenteuer.