Ein letzter Versuch
Island, 2025. Auf der Suche nach dem Polarfuchs.
Meine Kamera ist immer griffbereit, denn ich habe ein klares Ziel auf diesem Roadtrip: Ich möchte Polarfüchse fotografieren – die arktischen Verwandten des Rotfuchses, der mich in meiner Arbeit schon lange begleitet. Drei Wochen bin ich mit meiner besten Freundin unterwegs, und schon vom ersten Reisetag an fragen wir überall nach aktuellen Sichtungen.
Unser erstes Ziel sind die Westfjorde. Im Hornstrandir Nature Reserve wurden erst kürzlich Polarfüchse beobachtet. Das abgelegene Naturschutzgebiet ist nur zu Fuss erreichbar. Doch als wir nach fünf Tagen den Ausgangspunkt erreichen, kippt das Wetter. Ein Gewitter zieht auf und soll mehrere Tage andauern. Aus Sicherheitsgründen müssen wir den Plan aufgeben und die Westfjorde verlassen.
In den folgenden Tagen fahren wir bekannte Sichtungspunkte an. Wir warten, beobachten, scannen die Landschaft nach der kleinsten Bewegung im Gras – und fahren wieder weiter. Immer ohne Erfolg.
Nach zehn Tagen erreichen wir den Osten der Insel. Mir ist klar: Von hier an werden meine Chancen immer kleiner. Die letzte Hoffnung ist eine abgelegene Naturlodge mitten im Nirgendwo. «Wenn es hier nicht klappt, dann soll es eben nicht sein», sage ich mir.
Wir bleiben zwei Nächte. Ich sitze stundenlang draussen, sogar nachts. Ausser der miauenden Hauskatze zeigt sich nichts.
Am Morgen der Abreise stelle ich den Wecker auf sechs Uhr. Ein letzter Versuch, mehr aus Gewohnheit als aus Zuversicht. Draussen sitzt bereits ein anderer Fotograf regungslos im hohen Gras. Mit einer kleinen Kopfbewegung gibt er mir zu verstehen, dass hier nichts in Sicht ist.
Trotzdem setze ich mich ein paar Meter weiter ins Gras und warte schweigend. Eine halbe Stunde vergeht. Dann geschieht es.
Ein Polarfuchs taucht vor meiner Linse auf. Kurz darauf zeigt sich eine ganze Familie. Sie tollen durchs hohe Gras, jagen einander, stossen kehlige Laute aus und verschwinden immer wieder, nur um Sekunden später erneut aufzutauchen. Zwei Stunden lang beobachte und fotografiere ich die Tiere, bis sie sich langsam zurückziehen.
Erst beim anschliessenden Brunch mit meiner Freundin bemerke ich, dass meine Finger vor Kälte fast blau sind. Ich war so fasziniert von diesen magischen Tieren, dass ich es nicht einmal bemerkt habe.
Zurück bleiben nicht nur Hunderte von Polarfuchs-Fotografien, sondern auch eine Erkenntnis: Die unvergesslichsten Momente sind nicht planbar. Sie passieren meist genau dann, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnet.
Alessandra Jenni (27) lebt in Ballwil LU und arbeitet als Grafikerin und Fotografin in ihrer eigenen Firma, der Studio Miro GmbH. Aus ihrer Faszination für Tier und Umwelt entstand 2025 das VierWald Kollektiv: eine Gruppe aus Kreativen und Fachpersonen, die mit Bildern, Wissen und Engagement Natur sichtbar machen. Instagram: @olisondre