Wachgerüttelt von einem Wal
Kanada, 2023. Ein Sommer lang unterwegs mit der Familie – und eine Reise ins Hier und Jetzt.
Acht Wochen lang sind wir als Familie in Ostkanada unterwegs. Ich sehne mich nach Freiheit und Abstand vom Alltag. Doch wie tief diese Reise in mir nachhallen wird, kann ich beim Hinflug noch nicht ahnen.
Toronto ist der laute Auftakt. Als wir oben auf dem CN Tower stehen, meine Frau Sina neben mir, unsere Jungs Noé und Eliah – damals 5 und 6 – an meinen Händen, spüre ich eine Mischung aus Stolz und Unsicherheit. Die Stadt liegt uns zu Füssen, und trotzdem fühle ich mich klein. Vielleicht, weil mir bewusst wird, wie schnell die Zeit rennt und wie wenig präsent ich manchmal wirklich bin.
Die Niagarafälle reissen uns dann mitten hinein in eine Gefühlswelle. Das Tosen, der kalte Nebel, das Lachen meiner Kinder, das lauter ist als alles um uns herum: Für einen Moment bin ich völlig überwältigt, von der Natur, vom Glück, aber auch von der Angst, solche Augenblicke zu verpassen, wenn ich sie nicht bewusst festhalte.
Richtung New Brunswick wird alles ruhiger. Die Tage am Meer sind wie ein tiefer Atemzug. In Kedgwick, Bonaventure und später auf der Gaspé-Halbinsel erleben wir eine Einfachheit, die uns allen guttut. Die Kinder bauen endlose Sandburgen, Sina liest, und ich merke, wie eine Schwere von mir abfällt. Gleichzeitig nagt eine Frage in mir: Warum gelingt es mir im Alltag nicht so recht, diese Ruhe zu spüren?
Der Moment, der mich innerlich aufrüttelt, kommt bei der Walbeobachtung. Das Meer ist still, die Stimmung gespannt. Und dann taucht er auf: ein Wal, so nah, dass ich seinen Atem hören kann. Noé und Eliah stehen wie verzaubert am Rand des Boots. Als ich ihre leuchtenden Augen sehe, trifft es mich mitten ins Herz. Dieser eine Augenblick zeigt mir, wie wichtig es ist, innezuhalten – und wie viel Kraft im gemeinsamen Staunen liegt.
Auf unserer Rückroute über Lac Simon, North Bay, Parry Sound und Santa’s Village spüre ich, wie wir leichter werden. Wir reden mehr, lachen mehr, streiten weniger. Kanada hat uns nicht nur durch Landschaften geführt, sondern auch durch unsere eigenen Gefühle.
Als wir schliesslich im Flugzeug nach Hause sitzen, weiss ich: Dieser Sommer hat uns verändert. Und irgendwo dort draussen, zwischen Meer und Walen, habe ich etwas wiedergefunden, das ich lange vermisst habe: die Fähigkeit, wirklich da zu sein.
Cyrill Gadient (39) ist Offertsachbearbeiter aus Saland ZH. Sein Job verlangt viel Struktur und Detailtreue, weshalb er in der Freizeit und beim Reisen das Gegenteil sucht: einfache Abenteuer in der Natur, spontan bleiben und mit seiner Familie Momente sammeln, die man nicht planen kann.