Zwei Notlandungen und Ein Zapfen
USA, 2011. Wieviel Pech kann man haben? Eine Rückreise von Martha’s Vineyard nach Zürich wird zur ultimativen Nervenprobe.
Nach wunderschönen Tagen mit Freunden auf der Insel Martha’s Vineyard fahren wir zurück nach Boston zum Flughafen. Doch wir verspäten uns und realisieren bald: Der gebuchte Flug ist nicht mehr zu schaffen. Am Flughafenschalter folgt der erste Schock: Es gäbe zwar noch einen späteren Flug, aber für fast 3000 Dollar pro Person – Economy wohlgemerkt. Also telefonieren mein damaliger Partner Bruno und ich hektisch herum und finden schliesslich über ein Reisebüro zwei bezahlbare Tickets für den kommenden Tag: Boston-Philadelphia-Zürich.
Am nächsten Morgen beginnt das Chaos von vorne. Es gibt stündlich Flüge von Boston nach Philadelphia, aber alle haben Verspätung. Da uns in Philadelphia nicht viel Zeit zum Umsteigen bleiben wird, wechseln wir kurzfristig auf einen früheren Flug. Aber selbst das reicht nicht: Als wir um 18 Uhr in Philadelphia landen, bleiben nur 10 Minuten, bis der Anschlussflug nach Zürich planmässig startet. Wir rennen wie Verrückte von Terminal B nach A. Das Flugzeug steht noch da, sogar der Steg ist noch angedockt, doch das Boarding: schon abgeschlossen, heisst es. «Sorry – your’re too late.»
Also buchen wir erneut um – diesmal über Frankfurt. Zwei Stunden später sitzen wir im Flugzeug und glauben, das Schlimmste überstanden zu haben. Doch nach etwa einer Stunde Flugzeit geht die Maschine plötzlich und ohne Vorwarnung steil in den Sinkflug. Menschen schreien, Panik bricht aus. Nachdem sich das Flugzeug in den heftigen Turbulenzen stabilisiert hat, fragt der Pilot nach einem Arzt. Eine Passagierin ist beim Sturzflug aus der Toilette geschleudert worden und hat sich den Fuss gebrochen. Wir kehren nach Philadelphia zurück.
Auch die Landung ist brutal, Bruno verletzt sich dabei am Rücken. Schliesslich erfahren wir, dass das Flugzeug repariert und die Crew ausgetauscht werden muss. Niemand weiss, wie lange das dauern wird. Wir steigen aus und verbringen die Nacht am Flughafen – nachdem wir erneut unsere Tickets umgebucht haben. Direktflug nach Zürich. Diesmal muss es doch klappen.
Am nächsten Abend hebt das Flugzeug tatsächlich pünktlich ab. Nach einer Stunde sagt Bruno plötzlich: «Da stimmt etwas nicht.» Ich schaue ihn genervt an und verbiete ihm, nach allem, was wir schon erlebt haben, Scherze zu machen. Kurz darauf meldet sich der Pilot: Rauchentwicklung im hinteren Teil der Maschine. Wir müssen notlanden – in Boston. Es werden die längsten Minuten meines Lebens.
In Boston erwartet uns ein ganzes Empfangskomitee: Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen. Zum Glück bleiben diesmal alle unverletzt. Wir steigen aus und sind zurück auf Feld 1 – Logan International Airport in Boston. Ein Helferin verteilt 10-Dollar-Gutscheine für einen Burger pro Person. Erst sechs Stunden später sind die neue Maschine und die neue Crew bereit – nächster Anlauf. Und diesmal schaffen wir es tatsächlich ohne Zwischenfälle nach Zürich. Eines unserer Gepäckstücke hat es hingegen nicht ans Ziel geschafft. War ja klar.
Zu Hause öffnen wir völlig erschöpft eine Flasche Rotwein und stossen auf unser Überleben an. Die Flasche hat Zapfen.
Denise Arnold (64) wohnt im freiburgischen Bouloz und war als kaufmännische Angestellte tätig. Sie ist seit Kurzem pensioniert – und hat seit dieser Reise immer ein mulmiges Gefühl, wenn sie in ein Flugzeug einsteigt.