Barfuss durch den Dschungel

Abenteuer & Outdoor
Marianne Blattner-Geissberger
15. Oktober 2026

Ecuador, 1975. Ein Abenteuer im Amazonas wird zum Überlebenskampf. Am Ende gibt’s wieder einmal heissen Bananensaft.

Ostermontag in Quito. Wir holen Post ab in der Schweizer Botschaft, lösen unsere Traveller-Checks ein und schreiben Tagebuch. Seit acht Monaten sind Margrit und ich unterwegs, das South American Handbook ist unsere Bibel. Wir träumen von den Galápagos-Inseln, doch es kommt anders. Es zieht uns in das Amazonas-Tiefland, zu den Auca-Indianern. Kürzlich haben sie einen Missionar umgebracht. Wir lächeln das Risiko weg.

Zehn Stunden fahren wir auf einer harten Busbank über die Anden, durch Regen und Nebel, vorbei an halsbrecherischen Abgründen. Wir schlafen in Bretterbuden bei Hahnengeschrei, Generatorenlärm und Moskitogesurre. Nach einer ewigen Fahrt auf dem Río Napo erreichen wir völlig durchnässt Misahuallí. Unser Guide Silverio empfängt uns mit Machete und Ausrüstung für die Regenzeit.

Sechs Stunden stampfen wir bergauf und bergab. Der Boden hat sich in eine Rutschbahn verwandelt. Dann das Desaster: Margrit verliert auf einem glitschigen Baumstamm das Gleichgewicht und stürzt samt meinem British Army Bag ins trübe Wasser. Meine Kamera? Fue bañada – gebadet! Ein herber Schlag für mich Fotobegeisterte, die ihre Diafilme zum Entwickeln nach Hause schickt.

Endlich erreichen wir das Dorf der Auca. Die Begegnung mutet archaisch an. Das halbe Dorf hat sich im Schulzimmer versammelt. Wir verteilen unsere «Caramelos». Ein älterer Indio mit den charakteristischen Hängeohren der evangelisierten Auca durchwühlt neugierig meinen Rucksack.

In der Nacht steigt der Fluss innerhalb weniger Stunden bedrohlich an. Um 15 Uhr wagen wir die Rückreise. Nur mit Unterhosen und Windjacke bekleidet, den Rucksack über dem Kopf haltend, steigen wir ins Boot. Die Holzstangen, mit denen sich die Männer flussaufwärts stemmen, brechen wie Streichhölzer. Silverio entscheidet: Wir müssen zu Fuss durch den Urwald.

Das Abenteuer wird jetzt zum Überlebenskampf. Der Schlamm schwappt in unsere Plastikstiefel, sodass wir sie ausziehen. Barfuss rennen wir Silverio hinterher, stolpern über Wurzeln, während brennende Pflanzen unsere Beine peitschen. Jeder Schritt ist ein Gebet, nicht auf eine Schlange zu treten.

Als wir völlig erschöpft die Grenzhütte der Auca erreichen, empfängt uns das flackernde Feuer. Es gibt wieder einmal heissen Bananensaft. Wir schlafen auf Brettern unter einem Dach aus Tagua-Palmblättern. Der zahnlose Häuptling und zwei Verwandte hocken am Feuer und kichern die halbe Nacht, während eine Frau in der Hängematte ihr Kind stillt.

Ecuadors Amazonas-Tiefland in der Regenzeit – eine unvergessliche Reise mit gutem Ausgang!

Marianne Blattner-Geissberger (78) ist in Kapstadt geboren und wohnt in Aarau. Die pensionierte Sekundarlehrerin, Kulturmanagerin und Museologin ist seit jeher begeisterte Globetrotterin. Reisen und Fotografieren halten sie fit, glücklich und weltoffen.

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