Tanz gegen die Angst

Kultur & Geschichte
Youri Messen-Jaschin
10. Juli 2026

Argentinien, 1981. Im Buenos Aires der Militärdiktatur wird der Tango zu einem Akt fragiler Freiheit.

Ich reise durch ein Land, in dem Angst zum Alltag gehört. Sie ist nicht sichtbar, aber überall spürbar. In der Art, wie Menschen zögern, bevor sie sprechen. In der Stille zwischen zwei Blicken. In den Sätzen, die nie zu Ende geführt werden.

Schon nach wenigen Tagen begreife ich: Beobachtung ist hier kein Ereignis, sondern ein Zustand. Buenos Aires pulsiert, doch unter der Oberfläche liegt permanente Anspannung. Militärfahrzeuge tauchen ohne Vorwarnung auf, Kontrollen unterbrechen Wege. Stimmen senken sich automatisch, sobald Fremde in der Nähe sind.

Die Stadt wirkt offen, aber jeder Schritt trägt ein Risiko. Ich lerne schnell, nicht zu viele Fragen zu stellen, nicht aufzufallen, nicht zu lange hinzusehen. Der Tango wird zu meinem Zufluchtsort. Getanzt wird im Halbdunkel, hinter verschlossenen Türen. Zwei Menschen begegnen sich, hören aufeinander, folgen dem Rhythmus. Worte wären oft zu gefährlich. Der Tanz übernimmt, was nicht gesagt werden kann. Für ein paar Minuten verliert die Angst ihre Schärfe. Ganz verschwinden tut sie nie: Man tanzt, als könnte jederzeit jemand zuhören.

Ich begegne Menschen, die mich aufnehmen, ohne Namen zu nennen. Gastfreundschaft wird zu einem stillen Zeichen von Vertrauen. Doch Gespräche brechen abrupt ab, wenn Schritte näherkommen. Ein Blick, eine Handbewegung, ein plötzliches Schweigen genügen. Nähe entsteht trotz Gefahr – oder gerade deshalb.

Dann kommt ein Moment, in dem das Risiko real wird. Ich werde bei einer Kontrolle angehalten. Die Fragen dauern länger als gewöhnlich. Die Soldaten blättern durch meine Papiere, niemand erklärt etwas, niemand lächelt. Kalter Schweiss tritt mir auf die Stirn: Mein Körper reagiert schneller als der Gedanke. Während die Männer beraten, male ich mir aus, was passieren könnte. Erst als ich weitergehen darf, merke ich, wie flach mein Atem geworden ist.

Danach reise ich weiter. Mit Bussen durch endlose Landschaften, über staubige Strassen und vorbei an weiteren Kontrollposten. Das Gefühl, beobachtet zu werden, begleitet mich selbst dort, wo niemand zu sehen ist.

Doch manchmal, wenn Musik erklingt, wenn Menschen trotz allem lachen, wenn ein Tango-Schritt genau im richtigen Takt landet, dann öffnet sich ein Raum der Freiheit, kurz, fragil und flüchtig. Und gerade deshalb umso wertvoller.

Youri Messen-Jaschin (85) ist Künstler lettischer Herkunft, wohnhaft in Lausanne und einer der bedeutendsten Vertretern der Op Art in der Schweiz. Seine damalige Reise durch Südamerika dauerte vier Jahre. Zurzeit arbeitet er an einem Roman über diese Zeit in Argentinien. Das Buch basiert auf eigenen Erlebnissen und wird voraussichtlich noch dieses Jahr auf Französisch im Verlag Éditions Vérone erscheinen.

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