So schmeckt eine Reise auf dem Containerschiff
Atlantischer Ozean, 2016. Von New York nach Buenos Aires in 33 Tagen: Zwischen traditionellem Tatar, bodenständigen Steakhouses und stetem Wein-Nachschub.
Meine Reise mit dem Frachtschiff beginnt in New York. Bevor wir ablegen, verbringe ich ein paar Abende in kleinen Bistros mit Stoffservietten, Stimmengewirr, Livemusik und Menükarten, die mehr können als «heute Pizza». Ich bestelle Dinge, die man später auf See kaum mehr findet: knusprige Krusten, frische Kräuter und Saucen mit Namen statt nur Farbe.
Am nächsten Morgen tausche ich Kerzenlicht gegen Stahl: die Monte Aconcagua, 272 Meter lang, 40 Meter breit und mit Platz für bis zu 5’552 Container. An Bord gibt es genau eine Passagierkabine. Ich bin Passagier Nummer 1.
Beim Captains Dinner sitze ich jeden Abend mit dem Kapitän und den Offizieren am Tisch. Der polnische Kapitän zeigt sich offen, fast froh um Gesellschaft. Es gibt Seemannsküche – kräftig und direkt. Zu den Höhepunkten gehört das Tatar, das der ukrainische Koch einmal pro Woche zubereitet. Tradition, sagt er. Wer rohes Fleisch nicht mag, bekommt es als Burger grilliert.
In den Häfen der US-Ostküste hole ich mir Kontrast: In Philadelphia, Norfolk, Charleston, Jacksonville oder Port Everglades bestimmen tagsüber Kräne und Container das Bild, abends zieht es mich in Steakhouses. Steaks schmecken nach Land, nach Boden unter den Füssen.
Dann beginnt die grosse Überfahrt: rund zehn Tage nichts als Meer. Das Essen bestimmt den eintönigen Tagesablauf – Frühstück, Mittagessen, Abendessen, dazwischen Kaffee. Mein zweites Ritual findet am Laptop statt. Ich arbeite an der Software-Spezifikation für eine Wein-App. Ein paar gute Flaschen im Gepäck helfen beim Denken.
Am Morgen stehe ich manchmal zum Sonnenaufgang auf der Brücke. Delfine tauchen vor dem Bug auf und schwimmen um die Wette. Eines Nachts wütet ein Sturm. Es schüttet und schüttelt gewaltig – und plötzlich liege ich nicht mehr dort, wo ich eingeschlafen bin. Bei rauer See bleiben alle drinnen. Der Kapitän sagt trocken, man werde mich sonst nie mehr finden, falls ich über Bord gehe. Er meint das durchaus ernst.
Als die Sonne zurückkehrt, gibt es einen Grillabend auf einem Zwischendeck. Der Geruch von Rauch und Schweröl liegt in der Luft, Fleisch und Fisch liegen auf dem Rost. Der Kapitän organisiert mit bemerkenswerter Ausdauer Wein-Nachschub. Ich halte mit – entsprechend verläuft die anschliessende Nacht.
Brasilien ist ein anderes Kapitel. Zuerst laufen wir den Industriekomplex Suape an, dann Santos, einen riesigen Hafen ausserhalb der Stadt. Wenn es dunkel wird, möchte man dort nicht mehr allein auf der Strasse sein. Also bleibe ich an Bord.
Als wir Anfang November schliesslich in Buenos Aires einlaufen, wechselt auch der Geschmack der Reise: südamerikanischer, wärmer, lauter. Frachtschiffreisen sind langsam, manchmal langatmig. Aber genau das ist der Punkt: Man kann nicht vorspulen.
Marc Fritschi (52) wohnt in Lumnezia GR und arbeitet als Ingenieur. Für ihn gilt: Reisen ist Leben – alles braucht seine Zeit, und zwischendurch ist man froh um etwas Würze.