Mit dem Inselpolizisten Im Dschungel-Pub

Begegnungen & Menschen
Irene Klötzli
10. Juli 2026

Cookinseln, 2017. Zwischen Robinson Crusoe, endlosem Yatzy und ziemlich starkem Buschbier: Willkommen auf Atiu!

Mit einem Lächeln reicht mir die Dame am Flughafenschalter in Rarotonga ein handgeschriebenes Stück Papier – unsere Boardingpässe für den Flug mit der Rarotonga Airline. Eine Sicherheitskontrolle gibt es nicht. Die entspannte Unkompliziertheit begeistert uns sofort.

Nach einem kurzen Flug landen wir auf Atiu, der drittgrössten der Cookinseln, mitten im Südpazifik. Das Flughafengebäude wirkt wie eine farbenfrohe Baracke aus vergangenen Zeiten. Zusammen mit einem Rentner-Ehepaar aus Neuseeland sind wir die einzigen Touristen, die heute ankommen.

Unsere Gastgeberin Jackey fährt uns über die Insel. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft zeigt sie uns ihr Dorf, eines von insgesamt fünf auf der Insel. Hier gibt es zwei kleine Tante-Emma-Läden, eine Bäckerei, ein Polizeiposten und fünf Kirchen. In jedem der fünf Dörfer findet einmal die Woche ein Treffen im Gemeindehaus statt. Dort werden Neuigkeiten ausgetauscht, Probleme diskutiert, Nahrungsmittel getauscht oder Hochzeits- oder Geburtstagsfeiern geplant. Jackeys Erzählungen beeindrucken mich tief.

Dann erreichen wir Atiu Villas, unser Zuhause für die nächsten sieben Tage. Wir wohnen in einem einfachen Holzbungalow inmitten von üppigem Grün. Abends sitzen wir mit den anderen Gästen an einem grossen Holztisch zusammen.

Mit dem Roller erkunden wir die Insel. Eine holprige Strasse, 20 Kilometer lang, führt einmal rund um Atiu. Immer wieder zweigen kleine Pfade zu einsamen Buchten ab. Dort begegnen wir keiner Menschenseele, wir fühlen uns wie in einem Robinson-Experiment. Nur Ziegen streifen zwischen Kokospalmen umher.

Doch es regnet oft, und wir verbringen viel Zeit in unserer Unterkunft, bis die Abenteuerlust langsam der Langeweile weicht. Es gibt kein WLAN und keine Bar, wir spielen viel Yatzy. Wenn wir Einheimischen erzählen, dass wir eine ganze Woche bleiben, reagieren viele erstaunt. Die meisten Besucher reisen nach wenigen Tagen wieder ab. Allmählich verstehen wir, weshalb.

Abwechslung bietet dann die Höhle Anatakitaki, die ich mit ein paar anderen Touristen besuche. Ihre Tropfsteinformationen und glasklaren Wasserbecken lassen mich staunen. Unser Guide erzählt von den einzigartigen Kopeka-Vögeln, die nur in dieser Höhle auf Atiu leben. Der Höhepunkt des Abends folgt aber erst: das Tumunu-Ritual, eine jahrhundertalte Tradition, bei der sich Einheimische und Besucher in einem Dschungel-Pub treffen, um selbstgebrautes, ziemlich starkes Buschbier aus halben Kokosnussschalen zu trinken. So sitzen wir vier Touristen zwischen Inselpolizist und Schweinebauer und erleben einen ausgelassenen Abend, den ich nie wieder vergessen werde.

Das ist auch, was von Atiu bleibt: Nicht die langen Stunden im Regen, sondern diese Gastfreundschaft und ein Gefühl von absoluter Freiheit und minimalistischer Ruhe.

Und noch etwas bleibt: Das Rentnerehepaar aus Neuseeland treffen wir später auf Rarotonga wieder. Seither erreichen mich jeden Advent handgeschriebene Weihnachtsgrüsse aus Coromandel – und zeitgleich macht sich Post aus der Schweiz auf den Weg ans andere Ende der Welt.

Irene Klötzli (43) ist Expertin Anästhesiepflege aus Thun. Ihr Fernweh hat sie schon an viele magische Orte dieser Welt geführt. 

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