Zwischen Traum und Tragödie
Norwegen, 2019. Eine Expedition zum Schnorcheln mit Buckelwalen nimmt ein fatales Ende – und verändert das Leben für immer.
Mein Travel Buddy Sam und ich reisen auf die Lofoten. Wir kennen uns erst seit einem Jahr, teilen aber dieselbe Leidenschaft: die Natur mit der Kamera festhalten. Eine Woche lang fotografieren wir raue Küsten, Berge und Nordlichter. Für Sam geht mit den tanzenden Polarlichtern ein Traum in Erfüllung. Dann rückt mein grosser Traum näher.
Seit Jahren faszinieren mich Orcas und Buckelwale. Ganz im Norden Norwegens bietet eine kleine Organisation etwas Aussergewöhnliches an: Mit den Walen schnorcheln – mitten im arktischen Winter. Dafür fahren wir über 600 Kilometer weiter nach Skjervøy. Ein Schneesturm macht die lange Reise zur Geduldsprobe, doch am nächsten Morgen zeigt sich der Norden von seiner schönsten Seite. Die Landschaft glitzert unter einer frischen Schneedecke, die Luft ist klar und eisig.
Nach einer Sicherheitseinweisung erhalten wir Trockentauchanzüge, Handschuhe und Hauben. Kurz darauf bringt uns ein Schnellboot hinaus aufs Meer. Alle warten gespannt auf den Moment, in dem die Wale auftauchen. Dann ruft der Kapitän: «Get ready – go jump!»
Ich springe ins Wasser, eine eiskalte Welle trifft meinen Kopf. Für einen kurzen Augenblick sehe ich noch die Schwanzflosse eines Buckelwals verschwinden, dann nur noch die Dunkelheit der Tiefe unter mir. Und wo ist eigentlich Sam? Plötzlich bemerke ich, dass auf dem Boot Hektik ausbricht.
Sam hängt am Bootsrand und wirkt relativ panisch. Ich versuche, mich zum Boot zurückzukämpfen und ihn zu beruhigen, weil ich denke, er habe eine Panikattacke. Dann werden wir beide von helfenden Händen ins Boot zurückgezogen, Sam ist nun regungslos. Ich knie mich sofort neben ihn und prüfe, ob er atmet. Nichts. Gemeinsam mit anderen Passagieren beginne ich, ihn zu reanimieren. Während das Boot mit Höchstgeschwindigkeit den Hafen ansteuert, kämpfen wir um sein Leben. Zurück an Land übernehmen Rettungskräfte, ein Arzt und die Helikoptercrew. Eine bange Stunde später haben wir die furchtbare Gewissheit: Sam ist gestorben. Eine Welt bricht zusammen.
Fragen über Fragen schiessen mir durch den Kopf. Die Menschen im kleinen Fischerdorf lassen mich nicht allein. Crewmitglieder, Rettungskräfte und Einheimische kümmern sich um mich, organisieren alles und begleiten mich durch die ersten Stunden nach dem Unglück. Zwei Stunden lang werde ich von der norwegischen Polizei befragt, danach werde ich mit warmer Suppe und Pizza versorgt. Um nicht allein zu sein, werde ich in ein Hotel begleitet. An Schlaf ist aber auch mit starken Beruhigungsmitteln nicht zu denken.
Am nächsten Tag mache ich mich auf den Heimweg, allein. Der Rückflug wird zur Tortur, immer wieder muss ich mich erklären, wieso ich drei Handgepäckstücke dabeihabe. Zurück in der Schweiz brauche ich lange, um das Erlebte zu verarbeiten. Als ich dann noch einen Bandscheibenvorfall erleide, entscheide ich mich, mein Leben komplett zu ändern: weniger Stress und mehr Zeit für das, was mir wirklich wichtig ist. Reisen und Fotografieren, zum Beispiel.
Zwei Jahre später kehre ich nach Skjervøy zurück. Ich fahre wieder mit einer Crew hinaus aufs Meer, noch wage ich mich aber nicht ins Wasser. Erst 2023 fasse ich den Mut, erneut mit Orcas und Buckelwalen zu schnorcheln. Eine ganze Woche lang – in der ich mich Sam so nahe fühle wie nie. Es ist traurig und wunderschön.
Andrea Schüpbach (34) ist Pflegefachfrau aus Konolfingen BE. Als Nächstes träumt sie von einer Expedition zu den Eisbären in der Arktis.