Wenn alles andere Verstummt

Natur & Tiere
Franziska Erismann
14. August 2026

Island, 2021. Was haben der Abbruch eines Gletschers und fliessende Lava gemeinsam? Eine Reise zwischen Feuer, Eis und vollkommener Stille.

Wer in Island ankommt, betritt eine Welt, in der die Natur die Geschichte schreibt. Vulkane atmen unter Gletschern, der Wind trägt alte Sagen über Lavafelder und Fjorde. Und wir entdecken etwas, das im Alltag fast verloren gegangen ist – vollkommene Stille.

Diese Stille finden wir beim Wandern im abgelegenen Naturreservat Hornstrandir. Für uns Schweizer ist es zunächst ungewohnt, dass es keine markierten Wanderwege gibt. Kein Pfad, an den man sich halten muss, kein Schild, das den Weg vorgibt. Wir bewegen uns frei durch die Landschaft. Ausgerechnet zum Schutz des empfindlichen isländischen Mooses gibt es hier keine Wege, damit sich die Natur immer wieder erholen kann. Also wandern wir über weiche Moosfelder, Schneebretter und Geröll, Schritt für Schritt, immer weiter hinauf. Als sich der Blick über den Fjord Veiðileysufjörður öffnet, setzen wir uns hinter einen Felsen, geschützt vor dem Wind. Und dann ist sie da: die absolute Stille. Kein Vogelruf, kein Verkehr, kein Flugzeug, kein menschliches Geräusch. Nur unser Atem. Der Geist sucht unruhig nach einem Laut, nach Ablenkung – bis er aufgibt und der Moment einfach sein darf.

Ein weiteres Mal führt mich mein eigener Geist an seine Grenzen, als wir den kürzlich ausgebrochenen Vulkan Fagradalsfjall aus sicherer Nähe erleben. Auf steilen, rutschigen Pfade wandern wir über erkaltete Lava und erloschene Krater, bis wir die brodelnde Lava in der Ferne sehen. Doch statt sofort zu staunen, beginnt mein Kopf zu vergleichen – mit Bildern, die ich zuvor unzählige Male auf Webcams gesehen habe. Erst nach einem Moment begreife ich, wie sehr uns ständige Verfügbarkeit und digitale Nähe abstumpfen können. Ich halte inne, atme tief durch und lasse den Anblick auf mich wirken. Die Lava sprudelt aus dem Krater und fliesst langsam, aber unaufhaltsam ins Tal. Ihr tiefes Grollen erinnert mich an den Abbruch eines Gletschers, den wir Jahre zuvor in Alaska erlebt haben. Zwei Naturgewalten, unterschiedlicher kaum vorstellbar – und doch klingen sie gleich. Andächtig beobachten wir das Naturspektakel und die neu entstandenen Lavaformationen. Überall schimmern unterschiedliche Farben, von glitzerndem Blau bis zu tiefem Rot.

Island lehrt uns Demut. Zwischen Stille, Feuer und Eis wird uns bewusst, wie klein wir sind und wie gross die Kraft der Natur ist. Und dass Reisen nicht nur bedeutet, neue Orte zu sehen, sondern den eigenen Blick zu schärfen – für das Ursprüngliche, das Unkontrollierbare und für jene Momente, in denen die Welt kurz innehält und alles andere verstummt.

Franziska Erismann (37) aus Bassersdorf ZH ist Projektleiterin in der Gebäudetechnik. Auf Reisen ist sie genauso organisiert wie im Job, auch wenn ihr Koffer manchmal mehr Abenteuer als Ordnung enthält.

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