Vertrauen wider Willen
Winziger Flieger, unerfahrener Pilot – und ein holpriger Flug zu den Mayastätten in Chichen Itza.
Flitterwochen in Cozumel in Mexiko, der heute bekannte Badeort ist noch klein und beschaulich – sehr, sehr lange ist es her. Schon damals ist es heiss. Sehr, sehr heiss.
Unser Hotel, das Mayan Plaza, liegt an einem herrlichen Meeresstrand, der Staatspräsident persönlich hat es kürzlich eröffnet. Doch über eine Klimaanlage verfügt die Anlage nicht, und das ist ein Problem, denn die Temperatur sinkt auch in der Nacht kaum unter 30 Grad. Selbst die Abkühlung im Meer ist ob des lauwarmen Wassers nur sehr relativ. Also fahren wir häufig ins Dorfzentrum, denn es gibt da ein heruntergekühltes Warenhaus, in dem man sich ein Stündchen lang unauffällig aufhalten kann. Kaufabsichten hegen wir keine, aber natürlich mimen wir ein Interesse an Sonnenschirmen und Luftmatratzen.
Um der andauernden Hitze zu entgehen, bieten sich auch Ausflüge an. So buchen wir einen Kurzflug zu den Kultstätten der Mayas und der Tolteken in Chichen Itza.
Als wir uns am Morgen am Flughafen einfinden, ist dieser wie ausgestorben. Nur zwei weitere Pärchen stehen etwas verloren herum. Da würden wir uns an Bord schön breitmachen können. Doch bald zeigt sich: Grosser Irrtum! Unser Flugzeug ist winzig klein und bietet Platz für genau sechs Passagiere.
Es wird aber noch schöner: Da kommt der Pilot lässig herangeschlendert und verdrückt noch eine Tüte Pommes-Chips. Macht man das hier als konzentrierter Pilot in aller Öffentlichkeit so kurz vor dem Start? Im Schlepptau hat er einen blassen Jüngling mit Flaum im Gesicht, vermutlich sein Teenie-Sohn, denken wir. Und stellen dann einigermassen beunruhigt fest: Dieses Greenhorn, dieses Bleichgesicht, dieser Lehrling – ist der Pilot, der uns fliegen wird!
Und jetzt? Im letzten Moment umkehren, kneifen, absagen? Wir haben kaum Zeit, uns zu entscheiden, da ist es schon zu spät. Wir sitzen im Flugzeug und vertrauen uns widerwillig an. Vor allem mangels valabler Alternativen.
Etwas mulmig ist uns schon, als wir in geringer Höhe den dichten Waldteppich der Halbinsel Yucatán überfliegen. Die Landung gerät äusserst holprig, aber da kann unser Jungpilot nichts dafür, denn die Landepiste von Chichen Itza erweist sich als bessere Wiese. Doch die Reise lohnt sich. Besonders eindrücklich für mich als Sportkommentator ist der antike Ballspielplatz, auf dem eine Art Vorläufer des modernen Fussballs gepflegt worden war – allerdings in einem Spiel auf Leben und Tod. Erinnert mich fast ein bisschen an unseren Hinflug. Der Rückflug verläuft dann ohne Risiko und ohne Angst. Mit den vielen neuen Eindrücken von den Tempelanlagen haben wir unsere Vorurteile abgelegt. Reisen erweitert den Horizont.
Beni Thurnheer (76) erreichte als Sportkommentator und Showmaster beim Schweizer Fernsehen Kultstatus. Bis zu seiner Pensionierung durfte er in über 90 Länder reisen, rund zwei Drittel davon berufsbedingt (Reden ist immerhin Silber...).