Zwischen Verantwortung und Freiheit
Thailand, 2024. Ein Sabbatical führt zu suchtkranken Menschen in Bangkok – und zu einer beruflichen Neuorientierung.
Mein Sabbatical beginnt mit dem dringenden Wunsch nach Veränderung, Abstand und Regeneration. In meiner Leitungsfunktion im Strafvollzug erlebe ich täglich, wie belastend Verantwortung sein kann. Ich brauche eine Pause – und finde weit mehr als das.
Bangkok empfängt mich nicht sanft. Die Stadt ist laut, dicht und überwältigend. Zwischen Hochhäusern, Garküchen und endlosen Verkehrsströmen arbeite ich mit suchtkranken Menschen auf ihrem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Ich komme nicht als Reisende, sondern als Begleiterin auf Zeit.
Die Begegnungen gehen unter die Haut. Hoffnung und Rückschläge liegen oft nur Stunden auseinander. Ein Tag ohne Rückfall wird zum Erfolg, ein ehrliches Gespräch zum mutigen Schritt nach vorne. Ich begegne Menschen, die alles verloren haben und dennoch den Entschluss fassen, neu anzufangen. Ihre Widerstandskraft beeindruckt mich tief. Heilung zeigt sich nicht in grossen Momenten, sondern in kleinen Veränderungen: einem offenen Blick, einem vorsichtigen Lächeln oder Vertrauen, das langsam zurückkehrt.
Während draussen das Leben rastlos weiterläuft, verändert sich auch mein eigener Rhythmus. Statt Lösungen zu suchen, höre ich zu und halte aus. Und erlebe, dass Präsenz oft mehr bewirkt als jedes Konzept.
Nach dieser intensiven Zeit reist mein Mann zu mir nach Thailand. Gemeinsam erkunden wir das Land. Ohne festen Plan sind wir mit Nachtzügen, kleinen Fähren und lokalen Bussen unterwegs. Tempel im Morgenlicht, Regen über Reisfeldern und improvisierte Mahlzeiten an Strassenständen: Es ist wirklich malerisch. Nach Wochen voller emotionaler Tiefe fühlt sich diese Freiheit fast ungewohnt an. Wir verirren uns, ändern spontan unsere Route und begegnen Menschen, die unseren Weg für einen kurzen Moment mit uns teilen.
Je weiter wir Richtung Norden reisen, desto häufiger werden wir wieder mit harscheren Realitäten konfrontiert. Wir sehen, wie migrantische Arbeitskräfte unter prekären Bedingungen leben, während viele Reisende Spass und Vergnügen suchen, ohne Blick hinter die touristische Kulisse. Der Buddhismus zeigt sich nicht nur in friedvollen Tempeln, sondern im Wunsch vieler Menschen nach einem besseren Leben – durch Opfergaben, Amulette oder die Hoffnung auf den grossen Lotteriegewinn. Diese Mischung aus Spiritualität und wirtschaftlichem Druck macht mich tief betroffen.
Diese Reise wird zu einer persönlichen Gefühlsachterbahn zwischen Schwere und Leichtigkeit, Verantwortung und Freiheit. Ich reise los, um Abstand zu gewinnen, und kehre mit neuer Klarheit zurück. Ich fasse den Mut, meine Stelle hinter mir zu lassen und beruflich einen neuen, internationalen Weg einzuschlagen. Wohin er mich führt, weiss ich noch nicht. Aber ich freue mich darauf.
Sime Bayo (47) ist Pflegefachfrau mit Schwerpunkt Psychiatrie und wohnt in Urtenen-Schönbühl BE.