Das Erdbeben

Begegnungen & Menschen
Yasmine Keles
15. Oktober 2026

Sydney, 2000. Zwei junge, religiös erzogene Schwestern reisen ein halbes Jahr mit Bibel im Rucksack um die Welt. Bis eines Tages plötzlich alles anders ist.

Das persönliche Erdbeben kommt am Morgen. Erschüttert und erschrocken erwache ich im unteren Kajütenbett unseres Pensionszimmers in Sydney. Meine Schwester schläft oben. Dieses Erwachen ist anders als jedes zuvor. Von einem Moment auf den anderen fällt mein Glaube wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Mein Kopf fühlt sich leer an, wie dem Erdboden gleichgemacht – und dennoch klar wie das Morgenlicht.

Ich bin elektrisiert und spüre eine Klarheit im Geist und eine Leidenschaft in der Brust, die alles sprengt, was ich bisher gedacht und gefühlt habe. Im selben Moment weiss ich, dass nichts mehr sein wird wie zuvor. Ich will Teil dieses Grossen werden, von dem ich auf unserer Reise durch Kuba, Argentinien, Neuseeland, Fidschi und nun Australien immer wieder einen Hauch erhascht habe. Ich rieche ihn deutlich, den Duft der Welt.

Oben höre ich, wie sich meine Schwester streckt. Als sie gähnt, beginne ich langsam zu sprechen: «Hör zu, wir haben ja in den letzten Wochen viel über unseren Glauben und unsere Zweifel diskutiert. Für mich ist nun klar: Ich werde die Zeugen Jehovas verlassen. Ich kann da nicht mehr zurück.»

Nach einer langen Atempause antwortet sie: «Ich habe dich gehört und verstanden. Du musst wissen: Ich werde mir von denen niemals den Kontakt zu dir verbieten lassen. Auch wenn ich ebenfalls voller Zweifel bin – ich werde in der Gemeinschaft bleiben. Ich kann das unseren Eltern nicht antun, sie würden das nicht ertragen.»

Von diesem Tag an ist mein Kopf klar: Es ist zu Ende. Ich kann und will nicht in diese enge Welt der vorgegebenen Antworten zurück. Ich will Fragen stellen und sie aushalten, Freundschaften ausserhalb dieser Gemeinschaft schliessen und frei lieben. Mein Herz hingegen ist verschnürt. Es will die Eltern nicht verlieren, nicht unsere Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, Brüder und Schwestern, nicht die liebgewonnen Freunde und Freundinnen, überall auf der Welt. Das Erdbeben in meinem Innern zieht unzählige Nachbeben nach sich. Es macht mich gleichzeitig überschäumend glücklich und bodenlos traurig. Wie soll man so etwas aushalten?

Was für eine verrückte Idee das gewesen ist, um die Welt zu reisen und die Freiheit zu suchen. Ich habe diese Reise aus zwei Gründen angetreten: um meinen Glauben zu stärken und meinen riesigen Freiheitsdrang zu stillen. An beidem bin ich gescheitert. Oder etwa nicht?

Der Gedanke schlägt ein wie ein Blitz: Ich habe die Freiheit draussen gesucht, aber drinnen gebraucht. Und ich habe sie tatsächlich gefunden – nur habe ich mir das alles ganz, ganz anders vorgestellt.

Yasmine Keles (49) wuchs im Wallis auf und zog 1996 nach Bern. Sie wurde Bibliothekarin und schloss später das Studium der Religionswissenschaften ab. Später sind auch ihre beiden Schwestern und sogar ihre Eltern aus der Religionsgemeinschaft ausgetreten.

Deine Reise gefunden?

Lass uns gemeinsam deinen individuellen Reisewunsch besprechen.
Seite teilen
Dein primärer Reisetyp

Du hast {#percent}% Übereinstimmung mit diesem Reisetypen.

Welcher Reisetyp bist du?

Diese Übersicht zeigt dir, wie stark dein Profil allen sieben Reisetypen entspricht.

Entdecke deinen Reisetyp

Welcher Reisetyp bist du?

Finde heraus, welche Reise perfekt zu deinem Reisetyp passt und welche*r Reiseberater*in dich am besten beraten kann. Mach den Test und finde in nur wenigen Klicks deinen persönlichen «Perfect Match».
Gewinne CHF 500.–
Schnapp dir jetzt noch die Chance auf 500 Franken für deine nächste bewegende Reise.