Trockenzeit im Pian Upe Reservat
Uganda, 2013. Ein abenteuerlicher Fussmarsch durch die raue Wildnis Karamojas: Wer diesen Text liest, wird garantiert durstig.
Karamoja liegt im Osten Ugandas, an der Grenze zu Kenia. Für die Region besteht seit Jahren eine Reisewarnung. Bewaffnete Viehdiebstähle zwischen nomadischen Hirtenvölkern wie den Karamojong, den Iteso oder den Turkana sind häufig, staatliche Kontrolle ist begrenzt. Ein Freund und ich planen, die Region in etwa vier Wochen zu Fuss mit dem Rucksack querfeldein von Süden nach Norden zu durchqueren – angefangen mit der Besteigung des 4321 Meter hohen Mount Elgon.
Es ist Februar, Trockenzeit. Die Temperaturen liegen tagsüber jenseits der 30 Grad. Um Wasser zu finden, orientieren wir uns an den Flussläufen, die in unsere sowjetischen Militärkarten eingezeichnet sind.
Nach etwa einer Woche erreichen wir das Pian Upe Reservat. Als wir eine Piste kreuzen, hält uns eine Rangerstreife in einem Toyota Land Cruiser an. Sie verlangt eine Gebühr und stellt uns einen handschriftlichen Zettel mit ihren Namen aus.
Zwei Tage lang laufen wir auf ein Flussbett zu. Zu Beginn haben wir noch 16 Liter Wasser im Rucksack, die wir unterwegs zum Kochen und Trinken brauchen. Als wir am Flussbett ankommen, haben wir noch je einen Liter Reserve und stellen fest: Der Fluss ist ausgetrocknet. Wir suchen kilometerweit, graben im Sand, finden nichts. Kraft und Konzentration lassen spürbar nach – wir sind etwa 60 Kilometer von der nächsten Piste entfernt und beginnen, um unser Leben zu fürchten.
Schliesslich entscheiden wir uns, den Notfallknopf unseres Satellitenmessengers auszulösen. Fünf Stunden lang warten wir, dann bricht die Nacht herein. Natürlich kommt niemand. Uns ist klar: Wenn wir einen weiteren Tag ohne Wasser in der glühenden Hitze ausharren müssen, droht uns das Verdursten.
Also setzen wir uns in Bewegung. Die Rucksäcke bleiben zurück, denn jede Last kostet Kraft, nur unsere Pässe und etwas Geld nehmen wir mit uns. Ohne Wasser gehen wir durch die ugandische Nacht, halb im Delirium, mit letzter Kraft der Richtung des Kompasses folgend.
Am Morgen erreichen wir tatsächlich eine kleine Strasse. Wir brechen erschöpft, aber auch erleichtert zusammen und bleiben am Strassenrand liegen. Ein Auto hält an, der Fahrer bringt uns in ein Dorf. Der erste Schluck Wasser brennt schmerzhaft in der Kehle.
Einige Stunden später melden wir Entwarnung an die Notfallzentrale. Kurz darauf treffen wir erneut auf die Ranger. Sie berichten, dass nach uns gesucht worden ist, aber offensichtlich in einer völlig falschen Gegend. Sie helfen uns, das zurückgelassene Material aus dem Reservat zu bergen.
Nach zwei Tagen setzen wir die Tour fort. Und erreichen nach insgesamt vier Wochen doch noch unser Ziel: den Kidepo-Nationalpark an der Grenze zum Südsudan. Auf der restlichen Reise hatten wir uns von umherziehenden Hirtenclans immer sofort den Weg zur nächsten Wasserstelle zeigen lassen.
Gabriel Gersch (39) war jahrelang auf privaten Reisen rund um den Globus unterwegs, bevor er sich 2012 als Fotograf und Guide für Wildnisreisen in Alaska, Pakistan und Grönland selbstständig machte. Inzwischen ist er Geschäftsführer und Teilhaber der Explora Events AG.