Bombenstimmung bei der Pilzsuche
Deutschland, 2021. Es ist ein eigenartiges Gefühl, mit einem bewaffneten Polizisten durchs Dickicht zu wandern.
Es ist der perfekte Maitag. Das Laub ist saftig grün und die Sonne scheint. Die Wildkräuter verströmen würzige Blütendüfte. Mittendrin sind wir auf Pilzsuche. Zwischen Waldmeister und Gundelrebe hoffen wir, fündig zu werden. Das, was wir suchen, sind köstliche und knackige Maipilze. Sie haben eine Besonderheit: Wenn man einen findet, findet man zumeist Dutzende. Denn sie wachsen gerne in sogenannten Hexenringen.
Mit offenen Augen streifen wir durch das Unterholz und finden vieles: blühenden Besenginster, frischen Giersch und sogar zum ersten Mal in unserem Leben Schildrötlinge, eine recht seltene Pilzart. Die Freude ist gross, doch unser Hunger nach Maipilzen noch nicht gestillt. Also suchen wir weiter.
Nach einiger Zeit landen wir in einem besonders verwachsenen Dickicht, sich da durchzukämpfen ist gar nicht so einfach. Plötzlich liegt da etwas vor unseren Füssen. Zunächst wollen wir einfach weitergehen, doch dann schauen wir nochmal genauer hin. Der Gegenstand ist recht gross und rostig. Ein Schauder durchfährt uns: Da liegt eine verrostete Bombe. Sofort weg hier!
Nach kurzem Durchatmen in sicherer Entfernung überlegen wir, was zu tun ist – nach der Rückkehr am Abend einfach eine E-Mail mit den Koordinaten ans Forstamt schreiben? Oder doch lieber die Polizei rufen? Eine kurze Online-Recherche gibt uns die Antwort: Wer bei einem Kampfmittelfund in Deutschland nicht sofort die Polizei ruft, macht sich strafbar.
Also rufen wir die Polizei an und vereinbaren einen Treffpunkt. Dorthin ist es ein 30-minütiger Fussmarsch. Als wir zirka die Hälfte des Weges zum Treffpunkt zurückgelegt haben, sehen wir etwas im Gebüsch am Wegesrand: Hunderte Maipilze! Leider haben wir nun aber einen Termin mit der Polizei und müssen sie vorerst stehen lassen.
Am Treffpunkt angekommen verkünden wir den beiden Polizisten die frohe Botschaft: Der gesamte Weg zur Bombe ist nicht mit dem Auto befahrbar. Es geht nur zu Fuss. Der Ältere der beiden ist wenig begeistert und bleibt am Streifenwagen zurück. Der Jüngere begleitet uns, voll uniformiert. Es ist ein eigenartiges Gefühl, mit einem bewaffneten Polizisten wandern zu gehen. Wir versuchen seine etwas gedrückte Stimmung mit lustigen Anekdoten aufzuheitern und scheitern. Nach einer anstrengenden Wanderung erreichen wir endlich den Ort des Bombenfunds.
Der Polizist darf dort nun einige Stunden auf den Kampfmittelräumdienst warten. Wir hingegen wenden uns endlich wieder den Maipilzen zu. Schnellen Schrittes geht es den Weg zurück. Dort angekommen, atmen wir frohen Mutes den mehlig-gurkigen Duft der Pilze ein. Sie sind perfekt. Der Korb wird randvoll. Was für ein Tag.
Vanessa und Norman Glatzer (beide 33) nennen sich Pilz- und Plantfluencer und schaffen mit ihrem Projekt «Buschfunkistan» einen unterhaltsamen Zugang zu Ökologie und Umwelt: youtube.com/buschfunkistan. Norman ist Pilzsachverständiger, Vanessa Heilpraktikerin. Ihr Wissen geben sie auch als mehrfache Spiegel-Bestsellerautoren («Mittendrin im Draussen», «Fast zu wild um wahr zu sein») weiter. Mit ihrer Live-Show PILZE & KRÄUTER wird das Paar ab dem 8. November 2026 in der Schweiz auf Tour sein.
Infos und Tickets: explora.ch