Wo ist René?

Reisepannen & Krisen
Kurt Plüss
03. Juni 2026

Venezuela, 1991. Von der besten Piña Colada zur einsamsten Tankstelle der Welt – und plötzlich fehlt jemand.

Wir sind René und Kurt. Zwei Studienfreunde, die kürzlich die Ingenieurschule abgeschlossen haben und nun eine erste grössere Reise unternehmen: Venezuela! Das Abenteuer beginnt schon bei der Ankunft im Hotel. Wir werden darüber unterrichtet, dass die politische Lage nicht unbedingt stabil ist. Ein Militärputsch sei jederzeit möglich. Toll.

Wir sind viel mit dem Flugzeug unterwegs. Unsere Piloten sind vermutlich ehemalige Kampfpiloten mit viel Temperament. Loopings und Rollen sind zwar verboten, alles andere offenbar nicht. Die ganze Landebahn zu nutzen gilt offenbar als Gesichtsverlust. Also besser nicht zu viel essen und die Kotztüte stets griffbereit halten.

Ein Höhepunkt ist der Pico Espejo. Die Gondelbahn führt von Mérida auf gut 1500 Metern in einer Stunde auf fast 4900 Meter Höhe. Für den Kreislauf eine Tortur. Dafür gibt es in der Hotelbar am Abend die beste Piña Colada aller Zeiten.

Mit einem uralten Bus geht es später auf halsbrecherischer Fahrt zum Canaima-Nationalpark. Dreimal legen wir einen «Fotostopp» ein – der wahre Grund für die Pausen sind eher glühende Bremsen und ein rauchender Motor. «No problema», sagt der Fahrer, und weiter geht die Reise auf der Schotterpiste, rechts die Felswand, links der tiefe Abgrund. Aber was macht man nicht alles für den Salto Angel, den höchsten Wasserfall der Welt. Oder die Tepuy-Tafelberge und den Canaima-See.

Anschliessend fahren wir mit dem gleichen Bus im tropischen Dauerregen an die Karibikküste. Unterwegs halten wir kurz an der vielleicht einsamsten Tankstelle der Welt, irgendwo am Rand des Orinoco-Deltas. Zwei Stunden später erreicht unsere Reisegruppe das Hotel. Und ich frage mich: Wo ist René?

René ist verschwunden. Handys gibt es damals noch nicht, wir können ihn nicht einfach anrufen. Ob er an der Tankstelle aus- und nicht wieder eingestiegen ist? Der Fahrer, der Reiseleiter und ich springen wieder in den Bus und rasen zurück zur Tankstelle, vorbei an Polizei- und Militärkontrollen. In nur anderthalb Stunden sind wir wieder da – und wieder die Frage: Wo ist René?

René sitzt beim dritten Bier, Marke Polar. Er zittert und ist mit den Nerven am Ende. Vergessen und allein mit dem Tankwart im riesigen Orinoco-Delta – das hat René zugesetzt.

Die ganze Reisegruppe ist erleichtert, als wir mit René ins Hotel zurückkehren. Doch der nächste Schreck lässt nicht lange auf sich warten: Auf der Weiterreise werden wir von einer Militärkontrolle angehalten. Ein Dutzend schwer bewaffneter Grenadiere umringt den Bus. Dann betritt ein klein geratener Korporal den Bus und tobt sich lautstark an uns aus. Schockstarre – was geschieht hier mit uns? Zum grossen Glück nichts: Als klar wird, dass wir lediglich Touristen sind, erscheinen Offiziere, entschuldigen sich höflich für die Umstände und wünschen uns gute Weiterreise.

Jetzt sind wir reif für die Insel, René und ich. Es wird eine stressfreie Woche auf der Isla Margarita. 

Kurt Plüss (65) ist frisch pensionierter Ingenieur aus Aesch BL und war schon auf der ganzen Welt unterwegs, geschäftlich und privat – heute nimmt er es ruhiger. René auch.

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