Die prägende Wildnis des Dschungels
Peru, 2023. Zwischen Nachtgeräuschen, Tierbegegnungen und tiefer Stille wächst die Sehnsucht nach einem naturverbundenen Leben.
Vorsichtig setzen wir einen Schritt vor den anderen auf die feuchte, von Blättern bedeckte Erde. Unter unseren Füssen knirscht es leise, während sich das Rauschen, Zirpen und Rascheln des Regenwaldes zu einer vielstimmigen Kulisse verbindet. Der Lichtkegel unserer Taschenlampe durchbricht die Finsternis der Nacht – und plötzlich taucht ein Fellknäuel vor mir auf. Ich halte den Atem an. Gerade noch können Thomas und Oliver sehen, wie das Tier im Dickicht verschwindet: Es ist ein Tamandua, ein Ameisenbär.
Wir befinden uns im Nationalpark Manu im Südosten Perus. Oliver, unser Guide, begleitet meinen Mann Thomas und mich sechs Tage lang durch das tropische Unterholz des Amazonas-Regenwaldes. Der gebürtige Sizilianer lebt seit über dreissig Jahren in Peru und kennt jede Pflanze, jeden Vogelruf und jede Spur. Wenn wir auf eine Blume zeigen, sagt er uns prompt ihren Namen – auf Spanisch, Englisch und Lateinisch. Seine Begeisterung ist ansteckend. Staunend folgen wir ihm durch ein Geflecht aus Grün und Geräuschen.
Die Luft ist feucht, frisch und voller Gerüche. In dieser Abgeschiedenheit werden wir von einer wundervollen Gelassenheit erfüllt und verlieren jedes Zeitgefühl. Ist das hier der wahre Frieden? Leider trügt der Schein: Oliver erzählt von Konflikten und Bedrohungen durch illegale Abholzung, Drogengeschäfte und die Gefährdung indigener Stämme, die noch abgeschottet im Dschungel leben. Auch das gehört zur Realität dieses magischen Ortes.
Beim Mittagessen sitzen wir am Lagerfeuer, idyllisch zwischen Fluss und Regenwald. Carolina, die Frau von Oliver, hat ein Hähnchen in einem Bambusrohr über dem Feuer gegart und serviert es auf einem Bananenblatt zusammen mit Reis und Salat. Olivers Kinder spielen nackt im Schlamm und suchen Frösche. Wir fühlen uns, als wären wir in einer anderen Welt gelandet – weit weg von Terminen, Konsum und Bildschirmen.
Am letzten Abend setzt sich ein Ara-Papagei zu uns, pickt aus Olivers Teller und krächzt «Hola, Hola!» Wir lachen und sind erstaunt, wie zutraulich der wilde Vogel ist. Da erfahren wir: Oliver und Carolina haben den Papagei wieder aufgepäppelt, als er krank war. Diese Nähe zwischen Mensch und Tier berührt uns.
Als wir am nächsten Morgen mit berauschten Sinnen Abschied nehmen, bleibt ein melancholisches Gefühl zurück. Auf der langen Busfahrt nach Cusco tauschen sich Thomas und ich über die Zeit im Dschungel aus. Was bedeutet es, im Einklang mit der Natur zu leben? Reicht es, Bio einzukaufen und die Abfälle zu recyceln? Wir finden keine klare Antwort. Der Aufenthalt im Dschungel hat uns aber gezeigt, dass es möglich ist, eine Brücke zwischen Moderne und Natur zu bauen – und inspiriert uns zu einem naturverbundenen Leben.
Geraldine Konrad (26) arbeitet als Reiseberaterin beim Globetrotter Travel Service in Zürich Stadelhofen. Sie war schon immer fasziniert von dieser Welt und folgt stets dem kleinen Kompass in ihrem Herzen auf der Suche nach neuen Abenteuern und unvergesslichen Orten.